Das Problem der Komplexität: Finanzprodukt vs. Auto
Die private Altersvorsorge ist für Laien extrem komplex. Im Gegensatz zu Produkten wie Autos, für die es einfache, etablierte Kennzahlen gibt, die den Vergleich ermöglichen, fehlt es bei Altersvorsorgeverträgen an solchen leicht zugänglichen Maßstäben.
Verbraucher interessieren sich nicht primär für die komplexe Konstruktion der Produkte, sondern für deren Wirkungsweise (Steuervorteile, staatliche Zuschüsse, etc.).
Die wichtigsten Aspekte beim Produktvergleich sind Kosten, Risiko, erwartete Rendite (Chance) und das Risiko, dass das Geld im Alter ausgeht (Langlebigkeitsrisiko).
Teil 1: Die Tücken der Standard-Kostenkennzahl
Der Vergleich von Kosten gilt zwar prinzipiell als ein weitestgehend gelöstes Problem. Die dafür anerkannte Kennzahl ist die Reduction in Yield (RIY), oder Gesamtkostenquote. Dieses Konzept, das ursprünglich in Großbritannien entwickelt und für die Riester-, Rürup- und PRIIP-Produkte in Deutschland und der EU übernommen wurde, ist einfach: Die Effektivkosten sind die Differenz (Renditeminderung), die nach Abzug aller Kosten des Produkts von der erwirtschafteten Rendite übrig bleibt.
Der entscheidende Vorteil der Effektivkosten liegt in ihrer hohen Stabilität gegenüber Änderungen der Rahmenbedingungen wie Beträgen, Laufzeiten oder Renditen. Im Gegensatz dazu würden Kostenindikatoren auf Euro-Basis bei langen Laufzeiten aufgrund des Zinseszins-Effekts optisch erheblich teurer erscheinen.
Die vehemente Kritik an der RIY
Trotz ihrer weiten Verbreitung wird die „Effektivkostenquote" von Experten scharf kritisiert, teils als „legaler Informationsbetrug am Kunden" bezeichnet.
Die Kritikpunkte sind gewichtig:
- Mangelnde Vollständigkeit: Die Kennzahl scheitert an dem Kriterium der Vollständigkeit. Wichtige Kostenarten bei fondsgebundenen Rentenversicherungen, wie etwa guthabenbezogene Verwaltungskosten, erfolgsabhängige Vergütungen und die Kosten für die Absicherung von Garantien durch Hedging, können nach aktuellem Wissensstand vorab nicht verlässlich geschätzt werden.
- Manipulationspotenzial: Kapitalanlagekosten könnten gezielt manipuliert werden, etwa durch interne Verrechnung mit Tochtergesellschaften oder das Unterlassen marktüblicher Rückvergütungen („Kickbacks"). Dies führt zu einem faktischen Verlust an Rentenhöhe für den Kunden, der durch die ausgewiesene Quote möglicherweise nicht erfasst wird.
- Abhängigkeit von Annahmen: Die „Effektivkostenquote" ist das Ergebnis einer komplexen Modellrechnung, die auf bestimmten Annahmen zu Rendite und Laufzeit beruht. Vertragliche Gestaltungsoptionen wie Dynamisierung oder Kündigung werden standardmäßig nicht berücksichtigt. Daher entspricht kaum ein realer Versicherungsverlauf den einheitlichen Berechnungsvorgaben des Mustervertrags.
Die ausgewiesenen Ablaufleistungen der Versicherungsgesellschaften sind angesichts dieser Mängel oftmals „Augenwischerei" und sorgen häufig für Fehlentscheidungen.
Teil 2: Die Grenzen der Schätzbarkeit und das ignorierte Risiko
Zwei weitere Risiken zeigen die Grenzen der Standardinformationen auf:
1. Unschätzbarkeit der Chance (Rendite)
Während das Marktrisiko (z.B. der 2,5 % Value at Risk) im Prinzip gut messbar ist und aus historischen Daten sinnvoll geschätzt werden kann, ist die Schätzung der erwarteten Rendite eines Finanzprodukts extrem schwierig. Selbst im Idealfall, dass die Zufallsstruktur der Märkte bekannt ist, dauert es extrem lang, bis die erwartete Rendite eines Produkts ausreichend genau geschätzt werden kann. Um die erwartete Rendite auf +/- 1 Prozentpunkt genau zu schätzen, wären über 1.000 Jahre Datenhistorie erforderlich. Die erwartete Leistung ist aus historischen Daten einzelner Produkte nicht sinnvoll schätzbar.
2. Das Langlebigkeitsrisiko
Das finanzielle Risiko, das aus einem unerwartet langen Leben resultiert, ist für die Altersvorsorge besonders relevant, spielt aber in gängigen Produktinformationen (wie PRIIP-KID) bisher keine Rolle.
Menschen unterschätzen ihre Lebenserwartung dramatisch. Da das Hauptziel der Altersvorsorge die Absicherung des Lebensstandards im Alter durch die Finanzierung regelmäßiger Ausgaben ist, sichert nur eine lebenslange Rente die Risiken ab, die aus der Unsicherheit des eigenen Todeszeitpunkts resultieren.
Ein Auszahlplan, der nur bis zu einem Endalter von 85 Jahren kalkuliert wird, reicht laut Studien für weniger als die Hälfte der Männer und nur für rund ein Drittel der Frauen lebenslang.
Fazit
Die Intransparenz der Kosten bei fondsgebundenen Rentenversicherungen, die Unzuverlässigkeit der Renditeprognosen und das ignorierte Langlebigkeitsrisiko machen die standardisierten Vergleiche unzureichend.
Ein unabhängiges finanzmathematisches Gutachten ist unerlässlich, um die tatsächliche Rentabilität eines Vertrags zu prüfen und schafft die Grundlage für eine solide Entscheidungsfindung.
Der Mehrwert der finanzmathematischen Analyse liegt in ihrer Fähigkeit zur Individualisierung und zur Aufdeckung verborgener Kostenstrukturen:
- Wahrhaftige Kostenanalyse: Das Gutachten ermittelt die exakten Kosten und deren Auswirkungen auf die Ablaufleistung, basierend auf den individuellen Zielen und Wünschen des Verbrauchers. Es ermöglicht einen ungeschönten Blick auf die Kosten und die damit einhergehende Rentabilität der Produkte.
- Abbildung des Zinseszins Effekts: Die Analyse kann die Auswirkungen vermeintlich geringer Kostenunterschiede auf die spätere Ablaufleistung in absoluten Zahlen verdeutlichen, was für den menschlichen Verstand oft besser skalierbar ist als Effektivkostenquoten.
- Individueller Produktvergleich: Das Gutachten kann feststellen, welcher Anbieter (beispielsweise im Vergleich zwischen teuren Bruttopolicen und in der Regel kostengünstigen Nettopolicen/Honorartarifen) die höchste Ablaufleistung erbringt.
- Modellierung von Individualität: Da es „die beste Nettopolice" pauschal nicht gibt, weil die optimale Wahl von individuellen Faktoren wie Laufzeit, Höhe der Besparung und weiteren Faktoren abhängt, ermöglicht das Gutachten den direkten Vergleich von Anbietern basierend auf dem konkreten Sparvorhaben.
- Zukunftsplanung und Flexibilität: Das Gutachten kann simulieren, wie sich zukünftige Vertragsänderungen wie Beitragserhöhungen (Dynamisierungen) oder Sonderzahlungen auf die Rentabilität auswirken, was in standardisierten Policen Angeboten nicht möglich ist.
- Optimierung der Auszahlungsphase: Die Analyse ist entscheidend, da sich die Kostenstrukturen der Versicherer in der Anspar- und der Verfügungsphase (Rentenalter) unterscheiden. Sie unterstützt die Wahl der ertragreichsten und flexibelsten Auszahlungsform, wie etwa die Entnahme in Teilschritten („Tranchen").
Ein solches Gutachten sollte immer durch ein zertifiziertes und unabhängiges Unternehmen angefertigt werden, um Objektivität und Glaubwürdigkeit sicherzustellen.
Da der Gutachter neutral ist und kein finanzielles Interesse am Produktverkauf hat, schützt das unabhängige Gutachten den Kunden vor einseitigen Empfehlungen und schafft Rechtssicherheit und Beweiskraft für eine sorgfältige Beratung.
Die Entscheidung für die richtige private Altersvorsorge und die Nutzung einer finanzmathematischen Analyse sind unerlässlich, um die potenziellen Kostenersparnisse zu sichern und die Vorsorge optimal auf die individuellen Lebensziele und das unumgängliche Langlebigkeitsrisiko auszurichten. Doch ist auch wichtig zu erwähnen, dass die Qualität solch eines Gutachtens von der korrekten Pflege der ausgelesenen Kosten abhängt. Ist der Berater nicht fähig, das Bedingungswerk der Gesellschaften zu entziffern, hat das Gutachten keine Gewichtung.
